Spielräume in der Führungskultur: Wenn niemand mehr lenkt
- Die Führungskraft sitzt im Jour fixe und klickt durch 43 Folien.
- Der Kundenservice weiß nach acht Sekunden, was zu tun wäre – darf es aber nicht.
- Das Team lässt die Mail von KI schreiben, von einem Tool kürzen, von einem anderen glätten – und verschickt am Ende einen Text, der korrekt klingt wie ein Beipackzettel.
- Das Mitarbeitergespräch läuft nach Leitfaden. Das Formular ist vollständig. Das Gespräch war trotzdem keins.
Alles ist da: Prozesse, Tools, Standards, Freigaben, Apps, KI-Helferlein.
Nur eines fehlt immer öfter: individuelles Handeln.
Er zählt zu den ganz großen Soziologen und vermag immer den Finger in die Bruchlinien unserer Zeit zu legen. Die Rede ist von Hartmut Rosa. Sein neues Buch Situation und Konstellation hat mich sehr nachdenklich und angeregt zurückgelassen. Wir sprachen intensiv über genau die oben genannten Beispiele und über Spielräume. Darüber, ob wir in Unternehmen überhaupt noch welche haben. Und ob wir sie nutzen – oder ob wir längst in einer Arbeitswelt gelandet sind, in der wir vor allem eines tun: ordentlich, effizient und hochdigitalisiert abarbeiten.
Rosa beschreibt diese Verschiebung in einem Satz, der sitzt:
„So werden Handelnde zu Vollziehenden.“
Er nennt viele Beispiele, die wir kennen: Der Thermomix kocht uns das Essen, die Smartwatch sagt uns, dass wir jetzt wieder vom Besprechungstisch aufstehen sollen.
Und plötzlich ist da diese unbequeme Frage: Haben wir in unseren Organisationen eigentlich noch Menschen, die handeln? Oder nur noch Menschen, die Prozesse bedienen?
Die stille Falle der Prozessarchitektur
Natürlich brauchen Organisationen Ordnung. Regeln sind nicht der Feind. Standards auch nicht. KI schon gar nicht. Sie alle können helfen: Klarheit schaffen, Qualität sichern, Willkür begrenzen, Komplexität reduzieren. Das alles ist sinnvoll.
Aber genau darin liegt die Falle. Denn wir verwechseln inzwischen allzu oft gute Führung mit guter Prozessarchitektur. Und wir merken zu spät, dass perfekt geregelte Systeme noch lange keine lebendigen Organisationen hervorbringen.
Im Gegenteil: Je enger alles vermessen, vorcodiert und vorentschieden ist, desto kleiner wird oft der Raum, in dem Menschen noch wirklich urteilen, abwägen, improvisieren und Verantwortung übernehmen. Dann bleibt vom Arbeiten nicht selten nur noch eines übrig: korrekter Vollzug.
Rosa beschreibt, dass heute „Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps“ unsere Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vorzeichnen. Und wenn Ermessensspielräume verschwinden, dann verschwindet nicht nur Freiheit. Dann verschwindet etwas viel Teureres: Handlungsenergie.
Der Widerspruch, den wir täglich selbst bauen
Das ist der Punkt, den ich für Unternehmen so brisant finde.
Wir reden ständig über Motivation, Ownership, Innovationskraft und unternehmerisches Denken. Gleichzeitig bauen wir vielerorts Systeme, in denen all das strukturell zurückgedrängt wird.
Wir predigen Verantwortung – und entziehen sie durch Freigabekaskaden.
Wir wollen Initiative – und bestrafen jede Abweichung vom Prozess.
Wir wünschen uns Kreativität – und überziehen den Alltag mit Templates, Rasterlogiken und Tool-Vorgaben.
Wir investieren in KI – und merken nicht, wie schnell aus Unterstützung stiller Denkverzicht werden kann.
Denn auch das ist ja die Versuchung: KI hilft. Natürlich hilft sie. Sie formuliert schneller, sortiert sauberer, verdichtet klüger, liefert in Sekunden Entwürfe, Mails, Protokolle, Entscheidungsvorlagen. Wunderbar. Aber wenn wir nicht aufpassen, wird sie aus einem Werkzeug zur Entlastung ein System zur Entwöhnung. Dann denken wir nicht besser. Dann denken wir seltener.
Und genau da schließt sich der Kreis zu Rosa: Wo Menschen nur noch vollziehen, verlieren sie nicht nur Spielraum. Sie verlieren Lebendigkeit. Das spürt man in Unternehmen sehr konkret.
In Meetings, in denen niemand mehr wagt, den Denkrahmen zu verlassen.
In Organisationen, in denen jede Ausnahme als Störung gilt – selbst wenn sie vernünftig wäre.
In Führungskulturen, in denen man lieber das Formular korrekt ausfüllt, als ein schwieriges, echtes Gespräch zu führen.
In Teams, die rund um die Uhr beschäftigt sind – und trotzdem immer weniger das Gefühl haben, wirklich etwas zu bewegen.
Das ist keine Nebensache. Das ist eine Kulturfrage. Vielleicht sogar eine der entscheidenden.
Was Spielräume für die Führungskultur wirklich bedeuten
Denn Spielräume sind kein Luxus. Sie sind kein weicher Feelgood-Bereich für Menschen, die es gern etwas kreativer hätten.
Spielräume sind der Ort, an dem aus Rolle Verantwortung wird. An dem Erfahrung zählt. An dem Urteilskraft entsteht. An dem Menschen sich als wirksam erleben.
Und nur dort entstehen in Wahrheit die Dinge, die Unternehmen händeringend suchen: Initiative, Mitdenken, Lernen, Kreativität, Anpassungsfähigkeit, Resonanz. Nicht dort, wo alles offen ist. Aber auch nicht dort, wo alles zugeschraubt ist.
Die Führungsaufgabe liegt genau dazwischen: zwischen Leitplanke und Lebendigkeit.
Was das konkret für Führungskräfte bedeutet
Deshalb scheint mir die entscheidende Frage für Leaders heute nicht zu sein, wie wir noch mehr standardisieren – sondern wo wir bewusst aufhören müssen damit.
Wo braucht es Verlässlichkeit? Unbedingt. Wo braucht es klare Regeln? Ebenfalls. Wo braucht es Fairness und Nachvollziehbarkeit? Natürlich.
Aber wo braucht es eben auch Menschen, die sagen dürfen: In diesem Fall ist die Lage anders. Hier reicht der Prozess nicht. Hier braucht es Urteil. Hier braucht es ein Gespräch und Begegnung statt eines Skripts. Hier braucht es Verantwortung statt Abarbeitung.
Wenn Organisationen diese Räume verlieren, werden sie nicht automatisch besser geführt. Sie werden nur enger. Und enge Organisationen haben einen seltsamen Effekt: Sie wirken nach außen professionell und nach innen erschöpfend. Alles läuft. Aber wenig lebt. Alles ist geregelt. Aber kaum jemand fühlt sich wirksam. Alles ist dokumentiert. Aber das Denken wird dünn.
Vielleicht ist das die eigentliche Gefahr unserer Zeit: nicht das Chaos – sondern die perfekt organisierte Leblosigkeit.
Schaut nicht nur auf Effizienz. Schaut auf Ermessensräume.
Fragt nicht nur, ob der Prozess eingehalten wird. Fragt, ob in ihm noch gedacht wird.
Nutzt KI. Unbedingt. Aber so, dass sie Urteilskraft stärkt – nicht ersetzt.
Und prüft ehrlich, wo in eurer Organisation Menschen noch handeln dürfen. Nicht theoretisch. Tatsächlich.
Denn am Ende gilt vielleicht genau das: Organisationen brauchen Leitplanken. Aber wenn sie so eng werden, dass niemand mehr lenkt, dann ist es keine Führungskultur mehr. Dann ist es nur noch Verkehrstechnik.
„Wo ist bei euch gerade die Grenze zwischen Leitplanke und Leblosigkeit?“

