Spiel ohne Grenzen: Wenn rote Linien erodieren

Spiel ohne Grenzen

Warum Leadership heute mehr denn je Orientierung geben muss – und wie klare Spielregeln das Vertrauen im Unternehmen stärken.

In einer Welt in der gerade Regeln verschwimmen und alte Strukturen bröckeln, wird Führung zur entscheidenden Konstante. Vertrauen entsteht nicht durch Macht oder Kontrolle, sondern durch Empathie und Klarheit. Doch wie setzten Unternehmen heute die richtigen Grenzen?

Stell dir vor, du bist mitten in einem wichtigen Match und plötzlich zieht dichter Nebel auf. Das Spielfeld, auf dem du dich bisher sicher bewegt hast, ist plötzlich unsichtbar. Die Linien, die dir bisher Orientierung gegeben haben, sind verschwunden. Der Schiedsrichter schweigt – ist er überhaupt noch da? – und niemand weiß mehr, was noch erlaubt ist und was nicht. Unter den Spielern macht sich Hektik breit, Unsicherheit greift um sich. Und irgendwann steht die drängende Frage im Raum: „Spielen wir hier überhaupt noch nach Regeln?“

Dieses Gefühl beschleicht derzeit angesichts der politischen Weltlage viele Menschen. Wo gestern noch Regeln galten, herrscht plötzlich das Recht des Stärkeren. Vereinbarungen werden durch Erpressung ersetzt. Statt Kooperation ist maximaler Egoismus das Gebot der Stunde. Moralische Grundsätze und ethische Werte – alles unnötiger Ballast, das neue Prinzip heißt: Anything goes!

Ratlos, zögernd und ähnlich orientierungslos wie die meisten Spieler:innen stehen Trainer und Coaches als Führungskräfte in einem sich stetig auflösenden Raum, der gestern noch ein markiertes Spielfeld war. Aber irgendwie muss doch Sicherheit her! Gesucht wird diese vor allem im Gestern. Das zeigen einige aktuelle Tendenzen im Management:

Zurück ins Büro

Noch vor zwei Jahren galt Homeoffice als das Symbol für eine moderne Arbeitswelt. Unternehmen vertrauten ihren Mitarbeitenden, gewährten ihnen Flexibilität und Eigenverantwortung. Es schien, ein neuer Standard geboren zu sein. Doch jetzt rudern viele Firmen zurück. Große US-Konzerne habe die alte Regel „Präsenz bedeutet Produktivität“ vom Dachboden heruntergeholt und verlangen plötzlich wieder volle Präsenz im Büro – ohne Rücksicht auf das, was in den vergangenen Jahren überwiegend gut funktioniert hat. Die Nebenwirkung: Vertrauensverlust. Denn die Mitarbeitenden fühlen sich zurückversetzt in eine Ära, die sie längst hinter sich glaubten. Flexibilität wird zur Illusion, Vertrauen zur Verhandlungsmasse.

Diversity – gut, aber keine Priorität

Über Jahre wurden Diversity- und Inclusion-Programme als unumstößlicher Fortschritt gefeiert, als Ausdruck von Chancengleichheit und einer gerechteren Zukunft. Doch nun geraten sie in Bedrängnis. In den USA kürzen Unternehmen Budgets oder stellen diese Programme ganz ein. Vielfach ist das ein Kotau vor der aktuellen US-Regierung. Umsatz schlägt Überzeugung. Für viele Mitarbeitende ein harter Schlag. Was einst als Zeichen der Modernität galt, wird plötzlich zur „optionalen Maßnahme“, die dann kommunikativ dem Sparzwang geopfert wird.

Werte versus Kosteneffizienz

Unternehmenskultur ist das unsichtbare Rückgrat eines erfolgreichen Unternehmens. Doch in Zeiten von Kostendruck und Restrukturierung werden Budgetshifts, die zum Überleben notwendig sind, vorgenommen. Weiterbildungen? Auf ein Minimum zurückgefahren. Gesundheitsangebote? Gekürzt. Führungskräfteentwicklung? Schon nett, aber auf kleiner Flamme. Betretene Gesichter in einer Belegschaft, die sich fragt, ob ihre Bedürfnisse überhaupt noch eine Rolle spielen.

Workload – Immer mehr für immer weniger

In fast jedem Meeting kommt derzeit das Thema des „zu viel“ auf den Konferenztisch. Mitarbeitende beklagen, dass sie Tätigkeiten von eingesparten Abteilungen übernehmen müssen, dass sie von Entscheidungsdruck und Strategie-Vielfalt überfordert werden. Individuelle Grenzen zu ziehen, wird immer schwieriger – auch, weil man selbst diese Grenzen immer wieder verschoben hat.

Aber was tun, um nicht auf die Rezepte von vorgestern zurückgreifen zu müssen? Wie der Linienrichter im Sport müssen Leader markieren, wo für sie selbst, ihre Teams und ihre Unternehmen, die neuen Grenzen verlaufen. Nicht willkürlich, sondern klar, nachvollziehbar und im Sinne derer, die ihnen folgen. Die Aufgabe von Führungskräften ist es jetzt, Halt zu geben, wenn andere Halt verlieren.

Was dafür notwendig ist:

  • Neue Linienrichter: Wir brauchen Führungskräfte, die den Mut besitzen und aufmerksam darüber wachen, dass Grenzen respektiert werden.
  • Rote Karten: Führungskräfte müssen klare Konsequenzen ziehen, wenn ethische oder gesetzliche Grenzen überschritten werden.
  • Klare Spielregeln: Wir müssen definieren, in welchem Spiel wir sind. Spielen wir Volleyball oder Rugby, Fußball oder Kricket? Klare Kommunikation also, was erwartet wird und welche Fähigkeiten jetzt und in Zukunft zählen.

Wie im Sport brauchen wir im Business klare, sichtbare rote Linien und rote Karten. Nur so können wir Vertrauen zurückgewinnen und sicherstellen, dass wir nicht in einem Spiel ohne Regeln und Grenzen landen, in dem Chaos und Unsicherheit die Oberhand gewinnen.

Die neue Führungsqualität heißt deshalb: Führung als Linienrichter. Orientierung geben, wenn die große Unsicherheit herrscht. Den Teams vermitteln: Wir spielen hier noch immer nach Regeln. Es gibt sie. Sie werden nur gerade neu definiert.

Was bedeutet das konkret?

  • Kommunizieren von radikaler Klarheit: Die größte Unsicherheit entsteht durch unklare Erwartungen. Sage, was erwartet wird – und was nicht. Halbe Wahrheiten schaffen nur Misstrauen.
  • Schaffen von emotionaler Sicherheit: Gib Raum für Unsicherheiten. Die Frage „Wie geht es Ihnen?“ ist derzeit die mächtigste Führungsfrage, die du stellen kannst.
  • Führen durch Handeln, nicht durch Worte: Die Zeit leerer Versprechungen ist vorbei. Jetzt zählt, was wirklich getan wird – und wie konsequent gehandelt wird, wenn rote Linien überschritten werden.

Das klingt überaus anstrengend, bietet aber Chancen. Jetzt ist der Moment, neue Linien zu ziehen. Nicht um zu begrenzen, sondern um Orientierung zu schaffen. Denn mit klaren neuen Regeln kann das Spielfeld zur Bühne für Innovationen und Veränderungen werden.

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