Künstliche Intelligenz – nicht ante portas – sondern mitten im Raum

Künstliche Intelligenz schaut in die Kamera

Sie verändert die Unternehmenskultur: Bereiten Sie sich vor

Im Grunde war er ja ganz nett, der Kollege, mit dem ich so lange zusammengearbeitet habe. Manchmal ging er mir auf die Nerven, aber ich konnte mich auf ihn verlassen, auch auf seine Schwächen. Zum Beispiel die häufigen Rauchpausen. Und geredet hat er auch ein bisschen viel.

Jetzt die Neue: Sie redet gar nichts, das ist komisch. Aber sie ist ja auch kein Mensch, sondern Künstliche Intelligenz, also eine Art Maschine. Sie braucht keine Pausen, ist nie müde und niemals krank. Für die Teamleistung ist das super, fürs Betriebsklima eher nicht.

Menschlich ist die neue „Kollegin“ ein bisschen schwierig. Sie hat überhaupt keinen Schmäh, keinen Sinn für Humor. Man kann sie auch nicht um Hilfe bitten. Sie macht nur das, wofür sie da ist. Das macht sie allerdings gut. Verdammt gut. Zu gut.

In der Gewerkschaft ist sie auch nicht. Ob man sich im Notfall auf sie verlassen kann? Oft fühle ich mich ihr unterlegen. Ist sie vielleicht sogar der „bessere Mensch“?

Ich glaube nicht, dass wir Freunde werden.“

 

Der deutsche Dramatiker Bertolt Brecht schrieb 1935 das Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“. Hier, knapp 90 Jahre später, die „Gedanken eines Angestellten im digitalen Zeitalter“.

Roboter formt Fausthand

So oder so ähnlich könnte es klingen, wenn Mitarbeitende erstmals mit Künstlicher Intelligenz (KI) in Kontakt kommen. Sie sind neugierig, zugleich aber vorsichtig und verunsichert. Oder sogar ängstlich.

Fest steht: Diese neue, besonders arbeitswütige Kollegin namens „KI“ wird bleiben und alle müssen sich auf sie einstellen. Sie bringt starke Veränderungen mit sich – und die sind nicht nur technischer Natur. Wir müssen, wenn es um KI geht, auch philosophische und ethische Fragen diskutieren, die das Selbstverständnis des Menschen betreffen.

Denn die KI wird das Miteinander in Unternehmen stark verändern. Wir brauchen eine neue Arbeitsaufteilung zwischen Menschen und Maschine. Klar: Das hat Folgen für jede Unternehmenskultur.

Die KI provoziert wichtige Fragen:

  1. Wofür kann KI im Unternehmen sinnvoll eingesetzt werden? Für standardisierte wiederkehrende Prozessschritte. Hierfür werden keine großen und kritischen Fragestellungen aufgeworfen werden. Aber Achtung, auch hier müssen Unternehmen sehr vorsichtig sein: Wird die KI etwa im HR Prozess zur Bewertung und Selektion von Bewerbungen eingesetzt, haben Langzeitarbeitslose möglicherweise einen, durch die Algorithmen bestimmten schwereren Stand, weil die Daten gegen sie sprechen. Will ein Unternehmen diese Form der „erlernten“ Diskriminierung?
  2. Wie könnte man mit der „Werteblindheit“ der KI umgehen? Die KI ist zwar prinzipiell mit Basis ethischen Aspekten trainiert, weiß zwar auch theoretisch, was Unternehmensethik bedeutet und kann den Begriff auch erklären. Doch sie wird immer den erlernten oder antrainierten ethischen Prinzipien die ein Unternehmen haben sollte und den gesellschaftlichen und religiösen Besonderheiten in einem Markt folgen. Für die Unternehmenskultur ist das eine Herausforderung – wie kann diese bewältigt werden? Durch laufendes Trainieren der KI oder durch deren „Selbstreflexion“?
  3. Trifft die KI auch in Krisen die richtigen Entscheidungen? Eine andere Herausforderung ist die Unsicherheit der Belegschaft. Eine bessere Effizienz und Qualität im Produktionsprozess – das werden alle begrüßen. Aber kann man der KI auch in einer Krise vertrauen, wird sie auch dann richtig agieren? Wird sie erkennen, wenn sie vom Normallfall abweichen muss? Und wie wird sie dann vorgehen? Reichen die erlernten Parameter (= KI Erfahrung) um Entscheidungen gegen die Norm zu treffen?
  4. Wie müssen wir künftig mit menschlichen Fehlern umgehen? Für alle Bereiche in denen die KI Aufgaben von den Mitarbeitenden übernimmt sinkt die Fehlerhäufigkeit. Wie sieht es allerdings mit Fehlern, die außer der Norm auftreten (siehe 3.) aus? Kann der KI weiter blind vertraut werden oder sind es dann doch wieder die Mitarbeitenden, die die heißen Kartoffeln aus der Kohle holen müssen? Vielleicht muss die Fehlerkultur im Unternehmen neu definiert werden?
  5. Welche Einstellung gegenüber KI brauchen wir in der Belegschaft? Über allem schwebt die Sorge, dass die neue „Kollegin“ irgendwann jeden Einzelnen ersetzen könnte. Bereits beim Gaming Unternehmen Netdragon ist die neue KI die Chefin. Ist die KI also mehr Konkurrentin als Kollegin? Nehmen wir das Beispiel der Radiologen: Gestern noch angesehen und hochbezahlt, heute schon weitgehend durch KI ersetzt. Denn deren Kernkompetenz ist, Datenmuster und Abweichungen besser als jeder Mensch zu erkennen.

Wir Menschen brauchen ein neues Selbstverständnis – wie könnte es aussehen?

In erster Linie geht es um die Angst, um den Verlust des Arbeitsplatzes. Doch das ist nur eine Ebene. Es geht noch um etwas anderes: Unser Selbstverständnis als Mensch.

Körperlich sind wir vielen Lebewesen unterlegen. Sie können schneller laufen, länger unter Wasser bleiben oder sogar fliegen. Darum beruht unser Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Spezies ausschließlich auf unserem Denkvermögen. Aber was geschieht, wenn jetzt auch unser USP „Intelligenz“ verloren geht?

Grundsätzlich beobachten wir aktuell 3 Phasen bei der Annäherung und Umgang mit einem KI Model:

  1. Spiele-Phase: Hier geht es ums freudige Ausprobieren und Staunen, was denn alles möglich sei mit den schier unzähligen Apps, die täglich den Markt überschwemmen.
  2. Test-Phase: Die eigene „KI-Geländegängigkeit“ wird durch das Erlernen von Prompten und der Umgang mit den neuen APP sicherer, eigene Use-Cases sind bald erstellt. Nun wird versucht echten Mehrwert, über das Spielen und Probieren hinaus, mit den Applikationen zu generieren
  3. Integrations-Phase: Sind die Use-Cases und die ersten POC (proof of concept) erfolgreich im Unternehmen platziert und lässt sich ein positiver Business Case darstellen, wird mit dem Ausrollen des entsprechenden Modells begonnen und die Trainings aufgesetzt. Hier müssen neben der zu erfüllenden Aufgabe auch Aspekte wie Unternehmenswerte und -kultur trainiert werden. Danach werden die neuen KI-Kollegeinnen in den Fachbereichen neben der Stammmannschaft integriert.

Die Unternehmenskultur muss vorbereitet sein, sonst klappt es nicht mit der KI.

Darum besprechen wir mit unseren Kundinnen KULTUR-relevante Fragen:

  1. Welche Regularien könnten sinnvoll im Umgang sein? Der Ruf nach Regularien, um KI zu zähmen, wird auch bei Expertinnen laut. Organisationen antworten heute mit Handlungsrahmen und Guidelines. Aber wird das ausreichen? Ist die Kultur so stark, dass sich Menschen an solche Regeln halten? Wer kontrolliert das und wie?
  2. Wie bildet man Mitarbeitende für KI aus? Sollte man die nötigen Upskilling-Angebote machen oder besser in urmenschliche Skills investieren?
  3. Gibt es womöglich Gemeinsamkeiten mit bisherigen Transformationen? Wird die KI-Integration anders laufen als die Change-Prozesse für bisherige Digitalisierungsvorhaben – welche Ähnlichkeiten und Unterschiede gibt es?
  4. Wie baut man die Unsicherheit gegenüber KI ab? Sind hier die Erfahrungen aus der Zeit der Automatisierung/Digitalisierung hilfreich?
  5. Wie wichtig wird künftig die Wertschätzung sein? Was geschieht, wenn eine KI genutzt wird, welche die Unternehmenswerte kennt, aber keine Wertschätzung benötigt? Klar ist: Menschen brauchen weiterhin Wertschätzung, sie muss sogar einen größeren Stellenwert bekommen.

Eines ist klar: KI-Tools einfach zu kaufen und dann mit der Ansage zu garnieren „Nun macht mal schön“ – das wird nicht funktionieren. Zu reichhaltig sind die psychologischen und kulturellen Herausforderungen, die ein Unternehmen meistern muss. Sonst wird das nichts mit der KI.

Sie haben Fragen zum Thema KI in Ihrem Unternehmen?
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